romy fischer

körper, seele und geist heilend begegnen

Posttraumatische Störungen – «Journalisten sind nicht immun dagegen, zu leiden»

17. Februar 2020

Fergal Keane war jahrelang Auslandreporter für die BBC. Er berichtete aus verschiedensten Kriegsgebieten, etwa aus Ruanda zur Zeit des Genozids. Mittlerweile hat er seinen Job aufgegeben. Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Fee Rojas überrascht das nicht. Die Traumatherapeutin kennt einige solche Fälle. Nur rede man kaum darüber.

Interview mit Fee Rojas, Traumatherapeutin

SRF News: Weshalb kommt es bei Journalisten zu Traumata?

Fee Rojas: Es ist etwas, worüber Menschen nicht gerne reden. Gerade Journalisten möchten sich gerne unberührbarer darstellen, als sie sind. Das hängt mit ihrem Selbstbild zusammen. Sie denken, wenn ich über Dinge berichte, dann bin ich kein Teil der Szene, sondern jemand, der aussen vor ist. Das mache sie – so der fälschliche Glaube – immun dagegen, zu leiden.

Beobachten Sie das bei Journalistinnen und Journalisten gleichermassen?

Spannende Frage. Ich kenne mehr männliche Journalisten, die unter einer massiven Traumafolgestörung leiden. Ich kenne aber auch einige weibliche. Bei ihnen ist es oft so, dass sie sagen: «Ich habe Sachen gemacht, die ich nicht hätte machen sollen.» Sie hören auf, weil sie sich schämen. Aber sie nehmen eher wahr, was sie tun, oder reden mit Freunden über belastende Dinge.

Er hatte unendliche Angst, dass er jetzt verrückt geworden ist.

Wenn sie eine Reportage gemacht haben, die ihnen noch in den Knochen steckt, sind Frauen etwas kommunikativer. Sie sind auch besser eingebunden in soziale Systeme. Das ist ein enormer Schutz vor Traumafolgestörungen.

Sie arbeiten seit 15 Jahren mit Menschen, die Belastendes erlebt haben. Was sind das für Erlebnisse?

Ein Journalist berichtete vom Tsunami in Thailand. Als er wieder in Deutschland war und im Supermarkt stand, sah er in seinem Kopf, wie im durch die Gänge Wassermassen flossen. Zuerst hatte er unendliche Angst, dass er jetzt verrückt geworden ist. Bis ich ihm im Coaching erklärt habe, dass das dazu gehört. Was da im Grunde passiert, ist, dass sein Gehirn einfach noch einmal verarbeitet – auch im Wachen – was extrem belastend war.

Wie erkennen Sie als Therapeutin, dass jemand unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet?

Eine Belastungsstörung diagnostiziert man frühestens sechs bis zwölf Wochen nach dem Extremereignis. Sie zeigt sich durchs Erinnern, indem man zum Beispiel Albträume hat, man auf einmal dieselben Dinge wieder sieht oder riecht, ohne dass sie wirklich da sind. Das ist die erste Symptomgruppe.

Die zweite versucht, alles zu vermeiden, was mit dem Geschehenen in Zusammenhang steht. Man möchte nichts mehr hören, nicht danach gefragt werden. Bei der dritten Gruppe sind erhöhte Schreckhaftigkeit, Magendarm- und Schlafstörungen da. Das alles ist in den ersten sechs Wochen völlig normal. Wenn es länger andauert, sollte man sich Unterstützung holen.

Wie kann man so ein Trauma behandeln?

Traumatechnik ist, dass man den Körper darin unterstützt, das Vergangene auch wirklich als vorbei zu erleben, so dass er nicht mehr mit Stress reagiert. Dafür muss man den Körper bei der Traumaverarbeitung mit einbeziehen.

Darüber reden reicht also nicht?

Nein. Es macht es im Extremfall sogar schlimmer. Denn dadurch, dass ich immer wieder über das rede, was passiert ist, verfestigen sich die Traumaspuren im Gehirn noch mehr. Darum haben viele Menschen eine ganz gesunde Abneigung dagegen. Das ist aber oft auch der Grund, wieso manche sagen, es habe keinen Sinn, eine Therapie zu machen. Ihnen ist nicht klar, dass bei einer effektiven Traumatherapie auch der Körper einbezogen wird.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger. Quelle: SRF online